
Es begann alles mit Stefan Fritzen. Der ehemalige Soloposaunist der Sächsischen Staatskapelle Dresden und erfahrene Musikpädagoge war Ende 1986 aus der DDR in die Bundesrepublik übergesiedelt und hatte in der Städtischen Musikschule Mannheim die Stelle des Fachgruppenleiters Blasinstrumente und Schlagzeug übernommen. Damit verbunden war die Aufgabe, ein Blasorchester aufzubauen.
Der Aufbau begann Anfang 1987. Eine Wochenendarbeitsphase, zu der sich ein kleines Häufchen interessierter Schülerinnen und Schüler der Musikschule zusammenfand, markierte den Beginn einer eindrucksvollen Entwicklung. Das junge Orchester, das zunächst "Jugendblasorchester Mannheim" hieß, 1990 in "Sinfonisches Jugendblasorchester Mannheim" (SJBO Mannheim) umbenannt wurde und seit 2003 als "Mannheimer Bläserphilharmonie" (MBP) bekannt ist, nahm unter Fritzens engagierter Leitung einen steten Aufschwung. 18 Jahre lang drückte Fritzen dem Orchester seinen Stempel auf und begründete mit seiner Arbeit den Ruf der Bläserphilharmonie als eines herausragenden sinfonischen Blasorchesters.
2005 folgte ein tiefer Einschnitt in der Geschichte des Ensembles. Orchestergründer Stefan Fritzen wurde pensioniert. Und die MBP trennte sich von der Städtischen Musikschule; Musiker und Förderer gründeten den Verein "Mannheimer Bläserphilharmonie e.V.", der seither Träger des Orchesters ist.
Die durch große Probleme gekennzeichneten Monate der Umstellung und die Zeit bis zur Entscheidung über einen neuen festen Dirigenten konnte die MBP nicht zuletzt deshalb unbeschadet überstehen, weil Peter Vierneisel, Dirigent des Landespolizeiorchesters Brandenburg und dem Mannheimer Orchester seit langem verbunden, vorübergehend auch mit der MBP arbeitete und mit ihr in dieser Zeit große Erfolge feiern konnte.
Im Herbst 2006 übernahm Markus Theinert, bis dahin Dirigent des Musikkorps der Bayerischen Polizei in München, die Leitung der Bläserphilharmonie, nachdem der Orchesterrat sich für ihn entschieden hatte. Die bisherigen Konzerte unter dem neuen Dirigenten haben gezeigt, dass das Orchester weiterhin ein führender Vertreter seiner Gattung ist.
Zu dem hohen Ansehen, das die Mannheimer Bläserphilharmonie national und international genießt, haben nicht zuletzt ihre großen Erfolge bei Wettbewerben im In- und Ausland beigetragen. Schon 1989, beim 1. Deutschen Bundesmusikfest in Trier, konnte das Ensemble im nationalen Wettbewerb für Blasorchester – als einziges Jugendorchester – den 1. Rang mit Auszeichnung in der Kategorie "Höchststufe" erringen.
In den Folgejahren erreichte das Orchester bei mehreren hochrangigen internationalen Wettbewerben – jeweils in der höchsten Leistungsstufe – hervorragende Bewertungen bzw. Platzierungen, so beim 39. Europäischen Musikfestival für die Jugend 1991 in Neerpelt/Belgien (erster Preis "cum laude") und beim Musikfest Europa '93 in Trier (erster Rang mit Auszeichnung).
Seinen bis dahin größten Erfolg feierte das Mannheimer Orchester 1997 beim 13. World Music Contest (WMC), der inoffiziellen Weltmeisterschaft der sinfonischen Blasorchester, im niederländischen Kerkrade. In der 1. Klasse dieses alle vier Jahre stattfindenden, weltweit bedeutendsten Wettbewerbs für sinfonische Blasorchester errang das Orchester einen ersten Preis (Goldmedaille). Dieses herausragende Ergebnis konnte das Ensemble vier Jahre später, beim 14. WMC, noch übertreffen: ihm wurde ein erster Preis mit Auszeichnung zuerkannt. Ein Jahr zuvor hatte das Orchester am 2. "International Wind Music Festival" Seinäjoki/Finnland in der Concert Division teilgenommen und – als bestes Ensemble des gesamten Wettbewerbs – den ersten Preis gewonnen.
Anfang 2006 konnte die Bläserphilharmonie ihre Erfolgsgeschichte fortsetzen. Unter der Leitung von Peter Vierneisel nahm das Orchester am Orchesterwettbewerb des Internationalen Festivals für Bläsermusik in Prag teil. In der Höchststufe gewannen Orchester und Dirigent zusammen fünf erste Preise, u.a. den für das beste Orchester des gesamten Wettbewerbs.
Beim 16. World Music Contest (WMC) in Kerkrade (Niederlande) 2009 konnte die MBP ihr hervorragendes Ergebnis von 2001 sogar noch überbieten: 91,58 Punkten erspielten die Musikerinnen und Musiker in der 1. Division der Harmonieorchester.
Das Orchester nahm in der Vergangenheit auch an internationalen Festivals teil, bei denen kein Wettbewerb stattfand. 1990 vertrat es die Bundesrepublik Deutschland beim Internationalen Festival der Musik und des Tanzes auf der Insel Man. 1994 war es am internationalen Jugendmusikfestival "Purmerade" in Purmerend/Niederlande beteiligt und im Jahr darauf am 4. Europäischen Jugendmusikfestival in Budapest/Ungarn.
Seine erste große Konzertreise führte das damalige Sinfonische Jugendblasorchester Mannheim 1996 in die USA. Während der dreiwöchigen Tournee, die von Atlanta über Washington D.C. und Buffalo nach Boston führte, gab das Orchester acht Konzerte, die das Publikum begeisterten. Höhepunkt war das Konzert in der berühmten Boston Symphony Hall.
1997 weilte das Ensemble auf Einladung des Musikrats des Département de Loire-Atlantique zu drei sehr erfolgreichen Konzerten in der Bretagne. 1998 folgte das Orchester der Einladung zur 1. "Mid Europe", der Internationalen Mitteleuropa-Konferenz der Symphonischen Blasorchester und Bläser-Ensembles, im österreichischen Schladming, wo man ein von der versammelten Fachwelt viel beachtetes Konzert mit ausschließlich zeitgenössischen Originalwerken der sinfonischen Blasmusik gab.
1999 ging das Orchester auf eine zweiwöchige Tournee nach Japan. Konzerte in Maebashi, Kawasaki, Imabari und Osaka wurden vom Publikum begeistert aufgenommen und brachten dem Orchester große Anerkennung.
2004 folgte eine 18-tägige Konzertreise nach China. Die Mannheimer Bläserphilharmonie begeisterte das Publikum in Schanghai, Wuxi, Zhenjiang, Nanjing, Qingdao und beim Abschlusskonzert in der Konzerthalle der Verbotenen Stadt in Beijing.
Das Mannheimer Publikum erlebt die MBP regelmäßig bei deren großen Konzerten im Mannheimer Kongresszentrum Rosengarten. Die Reihe der jährlich im Frühjahr veranstalteten "Rosengartenkonzerte" begann 1992, und zwar im Musensaal. 1996 zog man aufgrund der regen Publikumsnachfrage in den Mozartsaal, den über 2.200 Personen fassenden größten Konzertsaal der Stadt und einen der besten Konzertsäle Deutschlands, um. Dort finden diese Konzerte seither statt.
Die "Rosengartenkonzerte" mit ihren anspruchsvollen Programmen vorwiegend zeitgenössischer Bläsersinfonik werden von der Fachpresse mit großer Aufmerksamkeit begleitet. So war in der internationalen Zeitschrift für Bläsermusik "Clarino" über das Konzert von 2001 zu lesen: "Fritzens kompromissloses Wirken wird mittlerweile international anerkannt. Nicht nur, weil sein Orchester technisch höchst akkurat auch Partituren von erheblichem Schwierigkeitsgrad realisieren kann. Es versteht auch explizit einen spezifischen Klang umzusetzen, der ihm Farbe und Charakter gibt, aber auch Logik und Konsequenz. [...] Man bleibt sich gleich, wahrt orchestrales Selbstbewusstsein von – durchaus auch im positiven Sinne – elitärer Klasse und gibt der interpretierten Musik einen Hauch der eigenen Klangfarbe. Wie das große Dresdener Vorbild. [...] Der Musical-Maestro gegenüber dem örtlichen Meister, das sinfonische Weltende gegenüber dem apokalyptischen Rock: In Mannheim schafft man die Einheit eines solchen Konzertprogramms zum Erlebnis eindrucksvoller orchestraler Kultur und Musikalität zu binden - einer neuen Mannheimer Bläser-Klassik."
Über das 14. Rosengartenkonzert 2006 mit Dirigent Peter Vierneisel schrieb der "Mannheimer Morgen": "[…] Wieder war des Staunens kein Ende über die an fast 100 Pulten herrschende instrumentale Brillanz und rhythmische Präzision […] Das Konzertprogramm auch diesmal originell und anspruchsvoll; neben Originalkompositionen (zumeist teuflisch schwer) nur zwei Mal Kulinarisches: zum Entree der Aufzug der Meistersinger aus Richard Wagners gleichnamigem Musikdrama, nach der Pause Edward Elgars zärtliches "Chanson de Matin". Dazwischen und danach überaus beifällig aufgenommene "neue" Musik: das raffiniert instrumentierte Adagio e Presto con fuoco von Pavel Stanek, die archaisch-mystischen Klänge von Rolf Rudins "Druiden" und "A Movement for Rosa" von Mark Camphouse, eine Hommage an die farbige Bürgerrechtlerin Rosa Parks. Schließlich Stephen Melillos viersätzige Schilderung des Kampfs zwischen David und Goliath, "David" für sinfonisches Blasorchester und Sopran, mit der wunderbaren Cornelia Ptassek vom Nationaltheater als Solistin. Zwei Zugaben gab's nur, obwohl der Jubel für deren fünf gereicht hätte."
Seit 2006 präsentiert sich die Mannheimer Bläserphilharmonie dem heimischen Publikum jährlich in einem zweiten großen Konzert, dem "Nikolauskonzert" im Dezember, das ebenfalls im Mozartsaal des Mannheimer Rosengarten stattfindet und in Zusammenarbeit mit dem Deutsch-Amerikanischen Frauenarbeitskreis Mannheim veranstaltet wird. Schon das erste Nikolauskonzert – es war das erste Konzert der Bläserphilharmonie unter seinem neuen Dirigenten Markus Theinert – war ein großer Erfolg. Die vielen Besucher feierten Orchester und Dirigenten mit "Standing Ovations". Die Presse befand: "Gelungenes Debüt beim Nikolaus: Bläser begeistern".
Die musikalische Entwicklung und das Leistungsvermögen des Orchesters werden auf eindrucksvolle Weise durch seine in Fachkreisen hoch geschätzten zehn CDs dokumentiert: "Spots" (1994) und "Aerophonie" (1997) beruhen auf Studioaufnahmen. Die folgenden vier, "Sternenmoor" (1999), "Crescendo" (2000), "Die Fünfte" (2001) und "Tanz und Lied" (2002), bringen Mitschnitte der Rosengartenkonzerte der betreffenden Jahre. Die CDs "Klangwelten" (2003) und "Mannheimer Klang" (2005) basieren wieder auf Studioaufnahmen.
Als Abschiedsgeschenk an den scheidenden Orchesterleiter Stefan Fritzen erschien 2005 "Mannheimer Bläserphilharmonie spielt Rolf Rudin" mit Mitschnitten aus Rosengartenkonzerten der Jahre 1999 und 2004. Unter seinem jetzigen Dirigenten Markus Theinert spielte das Orchester CD Nr. 10 "Lebe lang und glücklich!" ein. Aus Anlass des 400-jährigen Stadtjubiläums Mannheim enthält sie ausschließlich Originalwerke sinfonischer Bläsermusik von Mannheimer Komponisten.
"Lebe lang und glücklich! Suite für großes Bläserorchester", das Titelwerk der CD, ist eine Komposition, die die Mannheimer Bläserphilharmonie im Zusammenhang mit dem Mannheimer Stadtjubiläum bei dem in Mannheim geborenen amerikanischen Komponisten Samuel Adler in Auftrag gegeben hatte. Wie dieses Werk so hat das Orchester im Lauf seiner Geschichte zahlreiche andere Kompositionen uraufgeführt, und zwar Werke von Hanno Haag, Wolfgang Hofmann, Klaus Peter Bruchmann, Matthias Dörsam, Ernst Prappacher, Günter Krause und nicht zuletzt drei Kompositionen von Andrea Csollány.
Mit der Aufführung zeitgenössischer Werke sinfonischer Bläsermusik setzt die Mannheimer Bläserphilharmonie Akzente und erweist sich als junger und innovativer Teil der Musikstadt Mannheim und der Rhein-Neckar-Region.
Die Mannheimer Bläserphilharmonie bereichert nicht nur das kulturelle Leben ihrer Heimatstadt. Sie ist auch ein hochwertiges Freizeit- und Bildungsangebot für junge Menschen in Mannheim und der gesamten Rhein-Neckar-Region. Mehr als 400 junge Menschen, Schüler, Studenten verschiedenster Fachrichtungen, junge Berufstätige, haben seit Gründung der Bläserphilharmonie eine einzigartige Orchesterausbildung durchlaufen und dabei nicht nur sich selbst musikalisch weiterentwickelt, sondern auch ganz nebenbei Kenntnisse und soziale Fertigkeiten erworben, die von generellem Wert sind.
Aktuell hat das Orchester ca. 80 Mitglieder zwischen zwölf und 35 Jahren. Zunehmend rekrutieren sich Neuzugänge aus Studenten der verschiedenen Hochschulen der Region oder neu zugezogenen jungen Berufstätigen, zumeist Musiker, die bereits in ihren Heimatorten in sinfonischen Blasorchestern gespielt haben.
In der jüngeren Vergangenheit hat sich eine fruchtbare Zusammenarbeit mit der Hochschule für Musik und Darstellende Kunst in Mannheim entwickelt. Dort wurde der neue Studiengang "Blasorchesterleitung" eingerichtet, der im Wintersemester 2007/2008 startete. Er wird betreut von Markus Theinert, dem Dirigenten der Mannheimer Bläserphilharmonie, die für die praktischen Teile des Lehrprogramms als Studioorchester zur Verfügung steht.
21.01.2009 Hans G. Oel
Der obige Text wurde auf der Grundlage älterer Darstellungen der MBP-Geschichte verfasst, die aus den Federn von Hans G. Oel und Ute Mocker stammen.